Lost in Transit oder der Respekt vor den eigenen Entscheidungen

Würde ich diesen Blog auf englisch führen, wäre der Titel des Posts sicherlich: „Girl, you`ve got balls!“

Kenn ihr diesen Moment, an dem ihr Respekt vor eurem eigenen Mut habt? Den Mut eine Entscheidung zu treffen, etwas anzugehen, worauf ihr lange gewartet habt? Ein Traum der plötzlich zum Greifen nah ist? Bis vor kurzem hatte ich noch nie darüber nachgedacht. Ich habe so ein Gefühl auch noch nie erlebt. Doch dann viel die Entscheidung – eine Kaufentscheidung. Das sollte man jetzt nicht falsch verstehen, nach dem Motto: „Konsumkind war shoppen…“.

Denn ja, das war ich. Aber nicht so wie ihr vielleicht denkt. Ich habe mir einen Ford Transit gekauft. Einen ehemaligen Krankenwagen, der mitten im Umbauprozess zum Campervon ist. Ja, ich. Die Frau, die keine Ahnung von Autos, Holzarbeiten, Elektrik und Co hat. Die Frau, die bis vor drei Jahren einen alten Peugeot 206 fuhr, der eher aussah, als hätte er schon so einige Rallyes hinter sich. Wohl bemerkt, hatte er keine einzige Macke, als ich ihn Ende 2009 gekauft habe. Genau diese Frau hegt schon lange diesen Traum, vom eigenen Camper.

Road- und Campingtrips habe ich schon immer sehr geliebt. Ich mag das Gefühl von „unterwegs sein“. Eine unruhige Seele braucht Bewegung um Ruhe zu finden. Für mich war die Reise zum Ziel immer das Highlight eines jeden Trips. Ich mag es, frei und ungebunden umherreisen zu können. Ob nun beim Camping oder mit dem Rucksack durch Asien. Ich mag die Spontanität und möchte nicht an einem Ort festhängen, an dem es mir vielleicht gar nicht gefällt. Auf kurz oder lang, war es also unvermeidlich, den Wunsch vom eigenen Camper zu entwickeln. Zunächst dachte ich, es sei eine kurzweilige „Schnappsidee“. Aber der Wunsch blieb, er wurde immer konkreter. Dabei kamen mir natürlich auch kritische Gedanken. Schließlich spiegeln die dieversen „Happy Van Life“-Bildchen auf Instagram nicht die Lebensrealität wieder, wie sie nun mal ist. Es sind nur idealisierte und gefilterte Momentaufnahmen. Und dann holt mich der Gedanke zurück: „Willst du das wirklich? Du alleine? Du hast keine Ahnung und wie willst du so ein Projekt verwirklichen?“

 

 

Meine kritischen Gedanken waren aber schnell beiseite geschoben und ich fing an mir Gedanken über die Umsetzung zu machen. Ich aktivierte diverse Menschen, die ich kannte, die irgendwie Ahnung von Autos haben. Ich bat sie, ein Auge und Ohr für mich offen halten. Denn, mir war schon klar, dass ICH garantiert übers Ohr gehauen werde, wenn ich alleine auf die Suche gehe.

Schlussendlich erzählte ich auch meinen Eltern von meinen Plänen und dachte, wenn ich einen guten Kastenwagen bekomme, dann über meinen Vater, der einfach Hinz und Kunz kennt. Meine Mutter dachte erstmal, das ganze sei eine meiner fixen Ideen. Je öfter ich davon sprach, je nervöser wurde sie und meinte irgendwann ganz verunsichert: „Aber du willst dann doch nicht darin wohnen, oder? Zutrauen würde ich es dir… Überleg dir das doch nochmal, kauf dir lieber ein kleines „normales“ Auto.“ Nein. Normal ist halt nicht meins.

Im Gegensatz dazu, war mein Dad direkt begeistert. Ich glaube er hat mehr Stunden vor Google verbracht als ich. Er erkundigte sich, welcher Wagen am besten für sowas geeignet ist, was man alles machen kann etc. Am Anfang dachte ich, er hilft mir nur bei der Autosuche. Dann erzählte er mir, dass es immer sein Jugendtraum war, so einen Wagen auszubauen. Ich sag euch, ein tolles Gefühl, wenn der Vater die gleiche Leidenschaft für so ein Projekt aufbringen kann. Und noch besser für mich ist, dass mein Dad dieses Jahr in Rente gegangen ist und somit zeitliche Reserven hat, um mir tatkräftig unter die Arme zu greifen.

Gut, also hatte meine Idee erstmal eine realistische Basis. Nur zur Info, das ganze war kein kurzweiliger Prozess. Von den ersten Infos über gebrauchte Kastenwagen bis zum Zeitpunkt, andem ich endlich die Schlüssel für meinen Ford Transit in den Händen hielt, verging fast ein Jahr.

Zwischenzeitlich hatte ich noch erhebliche Zweifel, ob das ganze mit meinen Vorstellungen vereinbar ist. Der KFZ-Meister von Mercedes (natürlich ein Bekannter meines Vaters…) meinte, mit 10 000 € müsste ich schon rechnen – rein für den Wagen ohne Ausbau. Und überhaupt, er würde mir zu einem bereits fertig ausgebauten Wagen raten. Zwei Dinge, die ich nicht hören wollte. Meine Reaktion? Ich sagte ihm: „Sie deprimieren mich…“ Und schon verschwand der Mensch schneller als er gekommen war. Ja, zwischenmenschliche Kommunikation ist privat nicht immer meine Stärke. Aber mal im Ernst, woher soll ich als Sozialpädagogin 10 000 € nehmen? Meine Vorstellung lag bei 4000 bis 5000 für den Wagen, was für mich viel Geld ist und ein fertig ausgebauter kam von vornherein nicht in die Tüte. Meine anfängliche Euphorie wurde ausgebremst und ich hatte ein leichtes Gefühl von Resignation. Mehr Geld investieren? Nope.

Ein paar Wochen später schickte mir mein Vater dann Fotos von einem Ford Transit. Die tauschen alle paar Jahre ihr Krankentransporter aus. Meine Chance. Als ich Ostern in der Heimat zu Besuch war, konnte ich eine Probefahrt machen. 258 000 km hat das gute Stück schon runter. Der einzige Wermutstropfen an dem Wagen. Das Ding fährt sich gut. Um mein Problemthema „einparken“ mache ich mir dann ein anderes Mal gedanken. Aber da muss ich halt mal etwas üben und Geld in eine Rückfahrkamera investieren und wenn ich schon dabei bin, in Rückfahrsensoren. Vielleicht reicht auch die Entwicklung eines Gefühls für die Ausmaße des Wagens und die Abstände zu möglichen Dingen die im Weg stehen. 🙂

 

Und ich bin ehrlich. Trotz Klima, Standheizung, Lüftung im Dach und bereits verlegter Elektrik war es nicht direkt die Liebe auf dem ersten Blick. Vielleicht liegt es daran, dass der Transit als Krankenwagen gedient hat und die ganzen Rampen, Tragevorrichtungen und Schränke aus Kunststoff noch eingebaut waren. Vielleicht war es der Desinfektionsspender, der mich einfach zu sehr an meine Arbeit erinnert hat. Aber irgendwie mangelte es mir an der Vorstellungskraft, wie das Teil meinen Traum vom „Einfach-Weg-Mobil“ erfüllen soll. Soweit jedenfalls der erste Eindruck. Je länger ich in dem Wagen stand und mir Gedanken machte, umso klarer wurde aber das Bild wie es werden könnte. Und ich begann mich doch ein wenig in mein fahrbares Zuhause zu verlieben.

Aber Stop. Stellen wir die Gefühle mal kurz auf Pause. Noch hatte ich keinen Preis gehört uuuund, mein Dad wollte den Wagen erstmal einem befreundeten KFZ-Meister zeigen, nicht dass der Spaß an dem Fahrzeug nur von kurzer Dauer ist und ich die gelben Engel schneller rufen muss, als mir lieb ist.

Das hieß für mich nun erstmal hoffen und bangen bis mein Dad anruft. Das hat er getan. Es war ein Donnerstag. Der Meister rät klar zum Kauf. Eigentlich sollte der Wagen 6000 € (wir haben ihn nochmal auf 5200 € runtergehandelt) kosten und die Werkstatt muss die Bremsbelege erneuern und etwas Blech austauschen, welches vom Rost zerfressen ist.

Und dann hieß es plötzlich: „Claudia, du musst dich jetzt entscheiden. Willst du den Transit?“ Ja oder nein. Auf einmal war dieses Gefühl da, so ein unwirkliches Gefühl von „ich erfülle mir jetzt meinen Traum“. Natürlich habe ich „ja“ gesagt. Sonst würde ich diesen halben Roman gar nicht schreiben.

Seit dem kauf sind ein paar Monate vergangen und wir sind mitten im Umbauprozess. Alles wird realistischer und fügt sich so langsam zusammen. Dennoch ertappe ich mich manchmal bei dem Gedanken: „Scheisse, seit wann bist du so mutig?“

Warum ich das alles schreibe? Ich dachte mir, ich lasse euch teilhaben an dem ganzen Prozess des Umbaus. Viele Menschen, mit denen ich über meine Pläne gesprochen habe, waren total begeistert und sprachen davon, sich gern selbst diesen Wunsch zu erfüllen. Ich möchte diese Menschen gerne ermutigen, ihre Träume zu verwirklichen und zu zeigen, dass es machbar ist. Das Leben ist kurz und ich für meinen Teil, möchte nicht irgendwann bereuen etwas nicht gemacht oder erlebt zu haben.

 

 

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